Auf der Suche nach meinem Leben: Sonne/Neptun

Wer schon einmal eine echte Identitätskrise hatte, kennt das Lebensgefühl eines Menschen mit markanter Sonne-Neptun-Konstellation im Geburtshoroskop.
Menschen die in dieser Hinsicht neptunisch geprägt sind, sind oft hin und hergerissen zwischen ihrer Strahl- und Ausdruckskraft und dem Gefühl, diese – und damit sich selbst – verstecken zu müssen. Jeder Mensch hat seine Sonne – und damit seinen persönlichen “Kanal”- seine Art Weise, seine Anlagen, seine Möglichkeiten, sein Ererbtes – ins Leben zu bringen, ins Außen, und in die Welt hinein. Die Sonne ist nicht nur in astronomischer Hinsicht das Zentrum, im individuellen Geburtshoroskop eröffnet sie den persönlichen Weg, sich selbst ins Leben zu bringen, und sich einzubringen mit all seinen Fähigkeiten.
Was nun, wenn sich zu dieser Sonne, das Ausdrucks- und Selbstfindungszentrum im Menschen, der alles vernebelnde und unter Wasser setzende Neptun hinzugesellt?

Auch an unserem Himmel ist die Sonne der König – gleich Helios, dem Sonnengott, ist sie das strahlende Zentrum des Universums. Wie geht es dem König in uns, wenn der Gott der Meere gleiches Mitspracherecht in Sachen Ausdruck, Selbst- und Identitätsfindung fordert?

Sonne versinkt im Meer

Die Sonne versinkt im Meer

Ich erinnere mich gut an eine Formulierung von Wolfgang Döbereiner, die lautete: Sonne Neptun “kann nicht König sein”.
Aus eigener Erfahrung (Sonne in zwölf, in Opposition zu Neptun in sechs) weiß ich, daß das bedeutet, König(in) sein zu wollen – entgegen der Tatsache und dem Wissen, es nicht zu dürfen und zu können. Ich kenne das Gefühl gut, zwischen dem starken Drang mich auszudrücken, mich darzustellen und gesehen zu werden und andererseits dem Bedürfnis des Rückzugs, des sich Unsichtbarmachens und der realen Erfahrung des am Rande Stehens hin und hergerissen zu sein. Das Gefühl der Nichtzugehörigkeit zeigt sich meiner Erfahrung nach am stärksten in der Jugend: klar, weil man da ohnehin schon auf der Suche nach seiner Identität ist und sich tendenziell unverstanden fühlt – da verstärkt Sonne/Neptun dieses Lebensgefühl enorm. Ich kann mich noch gut an Phasen meines Lebens erinnern, wo ich diesen Zustand durchaus auch genießen konnte: Das Wissen, nicht dazuzugehören und es auch nicht zu müssen, kann auch befreiend wirken. Gefährlich wird es dann, wenn von Außen – aus falsch verstandenem Mitleid – eingegriffen wird, um den Betroffenen, von Sonne und Neptun Geprägten wieder einzugliedern und in den Mittelpunkt zu stellen. Was für ein Mißverständnis! Das verstärkt bei diesem nur noch das latente Unverstandensein.

Worin liegt nun genau die Identitätskrise bei Sonne/Neptun?
Die Sonne – das ist wie bereits gesagt, das Zentrum und das “Ich” in jedem Menschen: sein Selbst, das sich aus dem kreiert, womit man sich “identifiziert”. Das geschieht vor allem in der Jugend, aber beginnt bereits bei der Geburt.
Da kann es geschehen, daß ein Kind geboren wird, das so ganz andere Anlagen mitbekommen hat als seine Eltern, Großeltern und Geschwister – es gehört “irgendwie nicht dazu” – es ist anders, von Anfang an. Die nächstliegende Lösung ist für ein kleines Kind natürlich die Verdrängung der Eigenart zugunsten der vorherrschenden Anlagen in der Familie – tut es das nicht, droht (so die unbewußte Angst) der Sturz vom Thron und der eigene Untergang. Später führt das zu dem Drang, seine Fähigkeiten und Veranlagungen zu verstecken, unscheinbar und unauffällig zu sein, ein “Scheinleben” zu führen, das so gar nicht dem entspricht, was tief drinnen auf Erfüllung wartet. Es ist ein “Schattenkönig-Dasein”, das durchaus auch mit Neid und Mißgunst einhergehen kann mit jenen, die ihre Sonne unbeirrbar nach Außen strahlen lassen.

Eine weitere – problematische – Art und Weise, wie Sonne/Neptun gelebt werden kann, ist das Immer wieder Suchen und Auftauchen in fremden Identitäten: Der in seiner Identität von Geburt an Geschwächte sucht sich andere “Sonnen”, an denen er sich orientiert und deren Ausdrucksweisen er übernimmt. Er setzt Masken auf – auf Kosten seiner Eigenart und seiner Lebenskraft, die zunehmends geschwächt wird, je mehr sie zurückgedrängt wird zugunsten fremder Lebensweisen.

Auf der körperlichen Ebene – die sich zeigt, wenn eine Verbindung von Sonne oder Neptun in den ersten Quadranten da ist – spiegelt sich das Sonne/Neptun-Problem in einer allgemeinen Schwäche und Angreifbarkeit. Ein schwaches Immunsystem hat man immer dann, wenn die Identität geschwächt ist, da ist man anfällig für fremde Programme (Viren). Eine geschwächte Lebenskraft und Identität kann auch zu einem schwachen Herz (Sonne-Entsprechung) und einer Kreislaufschwäche führen.

Wie entgeht man nun diesen zerstörerischen und schwächenden Identitätssuchen, die nur dahin führen, die bei der Geburt mitgegebene Lebensenergie vorzeitig zu verbrauchen?
Ein fataler Fehler ist es, das eigene KönigInnen-Sein mit egoistischen Machtinteressen zu verbinden. Wer sich selbst in den Mittelpunkt stellen möchte, um größer als Andere zu sein und Macht – auf welche Weise auch immer – auszuüben, der zerstört nicht nur die Sonnenkraft Anderer, sondern auch sich selbst.
Eine Möglichkeit, Sonne und Neptun in gleicher Weise gerecht zu werden, ist es, das zu werden, das ich gerne: der “andere” König nenne. Der “andere” König hat kein Reich, das in dieser Welt (in der Gesellschaft und was diese als bedeutungsvoll erachtet) Bedeutung hätte, und er ist kein Tyrann und kein Gewaltherrscher, er hat keine Macht. Aber er ist der strahlende Herrscher in seinem Reich, in seinem geschützten Bereich, wo er ganz er selber sein kann, unter denen, die ihn verstehen und ihm wirklich nahe sind. Jene, die kein Interesse an Masken haben. Der “andere” König führt kein Schattendasein, er läßt seine Kraft fließen und gibt sich dem Strom des Lebens hin. Phasen der Ohnmacht und der Schwäche versteht er als notwendige Zeiten des Rückzugs, um in sich zu gehen und wieder klar darüber zu werden, was das im Moment Eigentliche und Wesentliche ist, das gelebt werden will. Daraus kann sich auch eine große spirituelle Kraft oder eine Affinität zu solchen Themen ergeben, was die Sonne (die Lebenskraft) des Sonne/Neptun-Betonten stärkt.

“Sei du selbst, und die Dinge werden zu dir kommen” – so lautet ein Spruch von Lao Tse, und er entspricht ganz dem Geist und der Lebenshaltung des Taoismus. Es ist genau die Sonne/Neptun-Macht, die eigentlich eine Macht in der Ohnmacht ist, ein “Tun im Nichtstun”, um es taoistisch auszudrücken. Deshalb hat auch die “Kraft des Wassers” eine so große Bedeutung im Taoismus, nichts ist kraftvoller und nachhaltig wirkender als die Kraft des Wassers. Kraft und Macht fließen zu lassen, ohne machtvoll einzugreifen und handeln zu müssen/wollen: das ist die eigentliche Lernaufgabe dieser Konstellation.

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