Frau Holle und die Unterwelt

Das Märchen von der Frau Holle gehört auch zu den Märchen, die mich als Kind schon fasziniert haben. Und es ist gar nicht so lange her, da musste ich die Geschichte von der Frau Holle auch schon meiner Tochter vorlesen, mehrmals hintereinander.

Besonders spannend – vor allem für Kinder – ist ja die Stelle in der Geschichte, in der die Stieftochter durch den Brunnen in eine andere Welt gelangt. Ein archetypisches Bild für eine Reise in die Unterwelt.

SpindelDoch um was geht es bei der Geschichte dieser Reise? Zu Beginn wird erzählt, es gibt zwei Töchter und eine Stiefmutter. Eine ist die rechtmäßige Tochter, aber faul und böse, eine ist die Stieftochter, aber gut und schön. Diese wird von der Mutter nicht als Tochter akzeptiert, darf nicht Frau sein, muss den ganzen Tag arbeiten. Das Aschenputtel-Syndrom also, ein beliebtes Märchenmotiv: Eine Frau, also eine Tochter, kommt nicht ins Leben, in ihr Eigenleben, solange sie im von der Mutter und ihrer Herkunft (Stiefmutter ist ja auch nur ein dunkler Aspekt des Mutterarchetyps) unterdrückten Dasein bleibt. Die schöne, aber ungeliebte Tochter (offensichtlich eine Geschlechtskonkurrenz zwischen Mutter und Tochter, wie bei Schneewittchen) muss sich tägliche an den Brunnen vorm Hause setzen und spinnen, bis ihre Finger bluten.

Auch die Spindel ist ein beliebtes Märchenmotiv und reicht vom Bild her zurück bis zu den Spinnrädern der Moiren, der Schicksalsgöttinnen, die die Lebensfäden der Menschen spinnen und ihnen so ihre Zeitlichkeit und ihr Schicksal zuordnen. Auch Dornröschen sticht sich an einer Spindel und verliert so ihre Zeit und ihr Schicksal – bis sie aus diesem zeit-losen Zustand erlöst wird, Frau werden kann und ihr eigenes Leben lebt – mitsamt ihrem ganzen Schicksalsgefüge, das mit ihr zum Leben erwacht.

Die Schicksalsgöttinnen spinnen die Lebensfäden der Menschen und geben ihnen ihre Zeit und ihre Dasein.

Die Spindel hat also mit der Zeitlichkeit und der Vergänglichkeit zu tun. Und in der Tat verliert auch unsere gute Stieftochter im Märchen der Frau Holle ihre Zeit und ihr Dasein im Bild der Spindel, die in den Brunnen fällt. Sie springt hinein und tritt ihre Hadesreise an, der Persephone nicht unähnlich. In der Brunnenwelt, in der sie dann auftaucht, scheint die Sonne und “vieltausend Blumen” wachsen auf der schönen Wiese. Auch die Blumen sind ein Symbol für die Vergänglichkeit, für das enge Zusammenstehen von üppigem Leben und dem Tod, der als Keim in allem Leben steckt. Auch die Persephone tritt ihre Hadesreise auf einer Wiese mit üppigen Blumen an, die Hades zuvor wachsen ließ. Die Tochter hat keine Angst mehr, und sie stellt sich den ihr begegnenden Aufgaben mit Vertrauen und Achtsamkeit: sie holt Brot aus dem Ofen, das fertiggebacken nach ihr schreit, sie schüttelt die reifen Äpfel vom Baum und schließlich dient sie der Frau Holle, als die sich ihr eine äußerlich furchterregende alte Frau vorstellt. Auch hier hat sie keine Angst, und auch urteilt sie nicht vorschnell, sondern widmet sich ihren Aufgaben mit Hingabe und Vertrauen, dass es sich hier um ihre Aufgaben handelt, die sie eben zu erfüllen habe. Da dürfte sie wohl ein Jungfrau gewesen sein.

Frau Holle sieht also furchterregend aus (lange Zähne und Fingernägel), erweist sich aber als gerechte Herrin. Es gibt auch zahlreiche Theorien, die die Herkunft der Frau Holle aus der germanischen Hel, der Göttin der Unterwelt herleiten. Als Pflanze ist ihr der Holunder zugeordnet – in unseren Breiten auch gerne Holler genannt, was die etymologische Verwandtschaft zur Frau Holle verdeutlicht. Da gibt es auch diesen alten Kinderreim: Sitzen unterm Hollerbusch, machen alle huschhuschhusch…Das Bild des Verschwindens unter dem Holunder gibt schon eine Verbindung zum Reisen unter die Erde. Der Tod als huschhuschhusch, ein Verschwinden zurück in die untere Erdwelt? Im Alpengebiet wurden früher die Toten auf Holunderholz gelegt, auch ein Hinweis auf die Verbindung des Hollers und der Frau Holle mit der Anderswelt. Im Englischen heißt der Baum eldertree, also der Baum der Ahnen, der Toten (vgl. Luisa Francia, Weidenfrau und Wiesenkönigin).

Die Herrin der Unterwelt ist aber – dem Märchen zufolge – nicht böse und grausam. Sie ist gerecht und weist einem Jeden, dem sie begegnet, das zu, das ihm zusteht, wie die Moiren in den griechischen Mythen. Die Stieftochter, die ihr mit Vertrauen, Furchtlosigkeit und Demut (die Demut im Sinne einer Tugend, die mit dem Mut zu Dienen zu tun hat) begegnet, wird in der Folge reich belohnt: Sie wird als Goldmarie zur Stiefmutter zurückkehren.

Das ruft natürlich Neid hervor, das ist ganz klar. Die Stiefschwester will es ihr gleich tun und scheitert kläglich. Warum? Weil sie nicht in der Gegenwart lebt und sich ihren Aufgaben, die ihr auch bei der Frau Holle angetragen werden, stellt, sondern an ihren Lohn denkt, an ihren Status, an ihre Sicherheit. Sie ist respektlos und träge, sie verachtet die täglichen Herausforderungen und Aufgaben und wertet diese ab. Denn das Leben im Hause der Frau Holle spielt sich ja auch in unserem Alltag ab, es ist das alltägliche Leben mit seinen Herausforderungen.

Das ist ein Hinweis, dass die Unterwelt, die Anderswelt, die Welt im Brunnen ja nicht etwas ist, das jenseitig und unerreichbar wäre. Die Anderswelt ist der Bereich des Schicksalhaften, und dieser Bereich des Lebens begegnet uns doch allemal, im diesseitigen Leben, und im Alltag. Es ist eine besondere Fähigkeit (die uns das Bild der Goldmarie zeigt)  in den alltäglichen Lebensvollzügen und Tätigkeiten das Schicksalhafte und Bedeutende für unser Leben zu erkennen. Wenn wir hinter unseren täglichen Begegnungen und Aufgaben das Bedeutende und not-wendige für unser Leben erkennen, dann sind wir schon in die Anderswelt eingetreten. Dafür müssen wir in keinen Brunnen springen.

 

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