Im Anfang war das Wort (λόγος), und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
(Joh1, 1-4)
Der Weg vom konkret Erfahrbaren hin zum Vollzug der Abstraktion ist der Weg hin zum Logos, wie er das moderne Denken prägt, um nicht zu sagen: vereinnahmt.
Dieser Schritt beginnt, im Kleinen, schon beim Evangelisten Johannes, der sich prinzipiell unterscheidet von den Evangelien der Synoptiker (Markus, Matthäus, Lukas). Zumindest liegt einer von vielen Keimen hier verborgen, und nicht erst, wie Guardini, in meinem letzten Artikel zitiert, meint – in der Zeit der Renaissance. Logos und Mythos sind immer mehr in Ungleichgewicht geraten – zu Gunsten des Logos in Form des wissenschaftlichen Denkens.
Schauplatz Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus. Johannes, ein philosophisch gebildeter und mit jüdischer Tradition sehr vertrauter Mann, schreibt die Geschichte des Jesus von Nazareth auf. Es geht ihm dabei weniger als den Synoptikern um das Leben Jesu auf Erden, um seinen Lebensweg, den Menschen denen er begegnet, sein Leiden – sondern um eine theologische Deutung dieses Jesus. Auch die zeitliche Entfernung vom tatsächlichen Leben Jesu spielt bei der Charakteristik des so entstehenden Evangeliums eine Rolle – fast ein ganzes Jahrhundert ist seit dem Tod von Jesus vergangen, das Johannesevangelium wird als das jüngste in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen.
Es liegt ein ganz eigener Reiz in diesem Evangelium: Sprachlich ausgefeilt, reflektiert theologisch, doppeldeutig und symbolbeladen. Vor allem der die ganze Schrift durchziehende Dualismus (Gott-Welt, Licht-Finsternis, Wahrheit-Lüge…) hat etwas sehr Anziehendes – und dieser Dualismus war es auch, der gerade in den ersten Jahrhunderten nach Christus im Zentrum aller Aufmerksamkeit stand, in der Auseinandersetzung und Abgrenzung der kirchlichen Lehre von der Gnosis. Das geistige Gebilde der Gnosis zu begreifen ist eine Voraussetzung zum Verständnis des Johannesevangeliums. Johannes schafft es tatsächlich, wichtige Elemente der Gnosis seines Umfelds (Präexistenz der Seele/des logos, Dualismus) aufzunehmen und christlich einzukleiden. Darum wurde auch einige Zeit diskutiert, ob das Johannesevangelium in den kirchlichen Kanon aufgenommen werden soll oder nicht. Ein spezielles Problem ist hier die Mandäerfrage: Die noch heute existierende Sekte der Mandäer (manda=gnosis=Erkenntnis) scheint ihre Anfänge in der Zeit des Urchristentums in Jordannähe gehabt zu haben. Das mandäische Schrifttum weist so starke Parallelen zum Johannesevangelium auf, daß in der Forschung schon angenommen wurde, das johanneische Christentum sei von den Mandäern abzuleiten: die Bilder und Motive sind frappierend ähnlich.
Nun – Johannes kann man nicht als Gnostiker bezeichnen, und es gibt gute theologische Gründe, warum diese Schrift in das Neue Testament aufgenommen wurde – wenn dies auch eine Weile umstritten war. Dennoch muss bedacht werden, welche Einflüsse und denkerische Tendenzen hier vorliegen.
Was bedeutet es also, vor allem für die Logos-Frage, daß ebendieser auftaucht in einem Kontext, der sich durch Nähe zur Gnosis (die durchaus als die Vorläuferin der modernen Esoterik gelten kann) und philosophisch-rational (im Sinne von der Vernunft als Erkenntnismethode; ebenso eine Bedeutung des Begriffs λόγος) begründeter Theologie auszeichnet? Wie sind überhaupt Logos, im Sinne der heutigen Dominanz des Logisch-Rationalen, mit gnostischer Weltentfernung zu verbinden?
Die Antwort liegt eben genau in der Versuchung der Entfernung von den Dingen, wenn auch verschleiert in religiöser Verkleidung, geht es doch um eine Abstraktion der Wirklichkeit, und den Schritt weg von der Wesensschau der Dinge, wie Guardini es nennt. Die Welt enfernt sich von meinem Empfinden, denn als Gnostiker möchte ich ja nicht Teil der Welt sein, ich möchte Licht sein, und die Welt ist das Unerlöste, die Finsternis. Der konsequente nächste Schritt ist die Abgrenzung von der Schöpfung, die zur Natur wird und somit beherrschbar und der Verfügung des Menschen preisgegeben – und hier sind wir dann wirklich in der Renaissance angelangt, wenn der gnostische Dualismus als Leib-Seele-Dualismus und der Unterscheidung zwischen res extensa und res cogitans bei Descartes wieder aktuell wird.
Literatur: H. Conzelmann/A. Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament.

