Mythos und Logos

Weg-Weisende Worte von Romano Guardini:

Dieser Tage ist mir so deutlich zu Bewusstsein gekommen, daß es zwei Arten des Erkennens gibt. Eine führt zur Versenkung in das Ding und den Zusammenhang. Der Erkennende sucht einzudringen, innezuwerden,  mitzuleben. Die andere Weise aber packt, zergliedert, ordnet in Fächer, nimmt in Besitz, herrscht… (…) Es erwacht bereits in der Renaissance, aber zur Wirkung kommt es doch erst in der neuesten Zeit. Dieses Wissen schaut nicht, sondern analysiert. Es versenkt sich nicht, sondern packt zu. Es baut nicht ein Wesensbild, sondern eine Formel. Sein Wille ist es, Gewalt zu bekommen, von dem aus das Ding erzwungen werden kann. Das rational formulierbare Gesetz. Damit st auch Grundlage und Charakter seiner Herrschaft gegeben: Zwang, willkürlicher, aller Ehrfurcht barer Zwang.

(Zitat aus: Die Technik und der Mensch. Briefe vom Comer See)

Ich habe noch keine einfachere, aber auch treffendere Artikulation gefunden, die den Unterschied des mythischen und logischen Erkennens darstellt wie diese Worte von Guardini. Der Mythos ist das Begreifen der Welt in Bildern, die für den Verstand nicht greifbar, aber zu erschauen sind. Mythos ist die Schau der Gestalten hinter der Erscheinungswelt, Logos ist das Beobachten und Analysieren der Erscheinungen selbst.

Im Mythos begegnet mir der  δαίμων (daimon), von dem Friedrich Georg Jünger schreibt, er sei  das den Geschehen innewohnende Prinzip, das Bestimmende. Erkenne ich den daimon in einem Geschehen, in einem Ereignis, einem Menschen, habe ich die innewohnende Gestalt und Bedeutung für mein Leben erkannt.

Es gibt immer beide Seiten des Erkennens: Die logische und die mythische. Man könnte den Zusammenhang vielleicht vergleichen mit dem Symptom einer Krankheit (Logos, also das äußere Erscheinungsbild)  und dem dahinterliegenden Grund (Mythos, Deutung und Bedeutung, Geschichte und Entwicklung der Erkrankung).

Problematisch wird es, wenn ein Ungleichgewicht entsteht und einer der beiden Pole, also der Logos, die Alleinherrschaft beansprucht, im Sinne einer unhinterfragten Dominanz des Wissenschaftlichen. Das ist der Zwang, von dem Guardini spricht.

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