Was ist Heilung? Vom biblischen Heilsverständnis zum cartesianischen Menschenmodell

Heilung der blutflüssigen Frau, Russische Ikone.

Gestern als Sonntagsevangelium: Die Heilung der blutflüssigen Frau. Diese Heilungsgeschichte habe ich in meiner Diplomarbeit in Theologie behandelt, und ich mag sie immer noch gerne. Vieles an wichtigen Aspekten zu den Themen Krankheit und Heilung sind in dieser Geschichte versammelt.

Wir befinden uns in einer großen Menschenmenge, die sich um Jesus schart, die Leute drängen sich um ihn. Noch dazu ist er gerade gerufen worden, einem sterbendes Mädchen zu helfen, es spricht sich herum, daß er Menschen heilt, gesund machen kann, daß er Hoffnungen weckt und in den Menschen Tore zu neuem Leben öffnen kann.

In dieser Menge befindet sich eine Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen leidet. Die Zahl zwölf ist bedeutsam, es ist die Zahl der Fülle der Zeit, eine Zahl, die das Vollkommene, das in der Heilung danach passiert, schon vorher unterstreichen will.

Erstaunlich, daß sich diese Frau überhaupt in die Öffentlichkeit wagt. Blutfluß ist Unreinheit, noch dazu krankhafter, dauerhafter Blutfluß. Nach jüdischer Vorstellung müsste diese Frau isoliert werden. Schon bei jeder “normalen” Menstruation ist die Frau unrein, und nach der Geburt eines Kindes ist die Reinheit ebenso erst nach bestimmter Zeit und bestimmten Ritualen wieder rein und gemeinschaftsfähig.

Dieser Frau ist das egal. Sie will aus dem Teufelskreis von rein und unrein, falsch und richtig, ausbrechen, und geht damit ein großes Risiko ein: Nach jüdischem Recht wäre sie handlungsunfähig. Der Geschichte zufolge hat sie Hilfe schon bei mehreren Ärzten gesucht: ohne Erfolg. Jetzt setzt sie ihre Hoffnung auf Jesus. Das Ansehen des Arztes war im Judentum dieser Zeit eher schlecht, was dazu führte, daß viele Menschen nach Versagen des Arztes Hilfe bei Thaumaturgen oder beim Heilgott suchten. Eine interessante Parallele zur modernen Medizinkritik. Jesus genießt offensichtlich schon den Ruf eines solchen Thaumaturgen. Aber ist er tatsächlich ein Wunderheiler?

Auch die kranke Frau erwartet sich offensichtlich ein Wunder, vielleicht sogar ein großes, machtvolles. In dieser Hinsicht soll sie nicht Recht behalten.

Die kranke Frau schleicht sich von hinten an Jesus heran – wohl auch aus Angst, denn die Berührung einer unreinen Person ist verboten und macht den Berührten ebenso unrein. Dieser Schritt ist also durchaus als anstößig zu bezeichnen. Aber es ist der Schritt heraus aus der Ohnmacht und der Isolation durch Krankheit, eine eigenmächtige Entscheidung, unabhängig von gesellschaftlichen Vorgaben, religiösen Vorschriften und ärztlichen Ratschlägen.

Die Kranke ist sich sicher, daß eine Berührung, nur des Gewandes von Jesus, reicht, um sie wieder heil zu machen. Diese Vorstellung ist in der Antike allgemein verbreitet: Eine Person kann quasi mit Kraft aufgeladen sein, die sich durch Berührung überträgt und dadurch Kranke heilen kann. Das Überströmen der Kraft geht geradezu automatisch vor sich. Anders dagegen verhält es sich bei Heilungen im jüdischen Bereich, wo im Wesentlichen zwei Elemente einer Heilung vorherrschen: Eine volksmedizinische Anweisung und ein Machtwort  (z.B. aus einem Kommentar zu Talmud und Midrasch, zur Heilung von Blutfluss: Eine Anleitung zu einem Kräutersud, und zum Trinken das Machtwort Steh auf aus deinem Blutfluss). Tatsächlich wird das Geschehen der Heilung hier auf die hellenistische Weise geschildert: Die kleine, zuerst sogar von Jesus selbst unbemerkte Berührung führt zu Kraftübertragung und Heilung der Frau.

Die Berührung ist der springende Punkt des Verständnisses von Heilung. In ganzen vier Versen dieses Abschnittes des Markusevangeliums wird die Berührung des Gewandes erwähnt. Die Berührung ist ein Tabubruch, ein Auflehnen gegen das Ausgrenzende des Krankseins, gegen den Versuch der Herstellung einer “reinen”, krankheitsfreien Welt.

Die Frau fühlt sich ertappt, als Jesus die heimliche Berührung merkt und fragt: Wer hat mich berührt? Die Frau zittert, sie hat ein Gesetz übertreten, was wird mit ihr passieren? Doch diese Furcht ist mehr als Angst, es ist Gottesfurcht im Sinne der Ehr-Furcht vor der Größe des eben Geschehenen. Daher gibt sie sich zu erkennen.

Jesus nennt die Frau “Tochter”, und spricht ihr zu: Dein Glaube hat dir geholfen. Hier ist sicher nicht nur der Glaube an Gott, irgendeinen Gott oder einer Glaubensgemeinschaft gemeint, sondern eine Haltung in dieser Frau, der Hoffnung und des Vertrauens. Man tendiert heute dazu, dies rein psychologisch aufzufassen, als wäre eine Heilung wie diese eine Art Psychotherapie. Das entspricht dem modernen Interesse einer rational-wissenschaftlichen Erklärung eines “Wunders”. Der Glaube dieser Frau ist nicht der Glaube an Jesus oder an Gott – die Glaubenshaltung ist das Paradox der Hoffnung und des Lebensvertrauens gerade in der offensichtlich hoffnungslosen Lebenssituation. Die Frage bleibt offen, ob hier von einer Selbstheilung auch zu sprechen ist, die die äußere Handlung des Berührens brauchte, um wirken zu können.

Was macht also das biblische Krankheitsverständnis aus?

  • Krankheit ist ein Zustand der Isolation, gemäß des Gesetzesvorschriften der damaligen Zeit: Das Unreine muß weggeschafft und ausgegrenzt werden – ich sehe hier durchaus wieder eine Parallele zur neuzeitlichen Vorstellung des utopischen Bekämpfens von Krankheiten, und den Versuchen eine reine, keimfreie, durchgeimpfte, und damit ein bißchen weniger lebendige Welt zu schaffen.
  • Krankheit ist eine Todesmacht: Deshalb ist die Macht des Lebens, die von Jesus ausgeht, notwendig zur Heilung. Heilung ist der Weg von der Sphäre des Todes in das Leben. Ein Bild für die Auferstehung, und für das, was die Auferstehung wirklich meint.
  • Der Glaube als Haltung der Hoffnung und des Vertrauens (auch auf die Selbstheilungskraft?) spielt eine wesentliche Rolle bei der Heilung von Krankheit. Der Glaube ist die Disposition im Menschen, die Heilung möglich macht.
  • Die biblische Erzählung verschwendet kein Wort zuviel um die rein körperlichen Symptome der Frau zu beschreiben. Im Vordergrund stehen die Erfahrungen des einzelnen Menschen , die mit dem Krank-Sein verbunden sind, nicht die Krankheit selbst.
  • Die Heilungsgeschichte (und viele andere biblische Heilungsgeschichten) erzählen aber auch vom Zerbrechen utopischer Vorstellungen einer Krankheitsbekämpfung, die mit großen Machttaten auftrumpft. Wenn Jesus Kranke heilt, dann geschieht das leise, fast unmerklich. Die Heilung wird an den Konsequenzen sichtbar. Heilung meint dann das wiederaufgenommene Leben dieser Frau, die wieder in die Öffentlichkeit, die Gemeinschaft, in das Leben kann.
  • Das eigentliche Geschehen der Heilung ist die Berührung, die die zerstörerischen Vorstellungen einer reinen Gesellschaft überwindet und nichtig macht. Die Heilungen von Jesus sind keine öffentlichen Spektakel (ich denke hier sicher nicht ohne Grund an die in einem anderen Artikel erwähnten ersten öffentlichen Herztransplantationen, die Fußballstadien füllten), er ist kein sensationslüsterner Wunderheiler, in Wirklichkeit tut er nicht einmal etwas. Die Frau lässt sich zuerst auch in die Irre leiten und erhofft sich machtvolle Machbarkeit ihres Gesundheitszustandes: Das Heilvolle geschieht aber in dem Weg der Begegnung mit der Frau, die diese einfach als Geschöpf Gottes ansieht, heils-bedürftig wie alle anderen Menschen auch, aber auch mit den Fähigkeiten ausgestattet, Heil zu erleben und heil sein zu können.

René Descartes

Welche Aussagekraft erhält der biblische Text vor dem Hintergrund des modernen Verständnisses von Krankheit und Heilung? Die Wurzeln der naturwissenschaftlichen Medizin liegen im neuzeitlichen Modell des Menschen, exemplarisch aufgetaucht im cartesianischen Modell. René Descartes (*31.3.1596) kann als Begründer eines geschlossenen Systems einer mechanistischen Weltauffassung gelten. Diese, die Ganzheit der Lebensphänomene zerstörende Sicht vollzieht sich in seiner ganzen Konsequenz in der Vorstellung des Menschen, der radikal getrennt wird in Geist und Materie. Der Leib-Seele-Dualismus entsteht.

René Descartes, Mittagsstände

In seiner Abhandlung Über den Menschen (1632) stellt Descartes diesen Dualismus als anthropologisches Konzept vor: Den seiner Ansicht nach im Gehirn verorteten Geist setzte er einen entseelten Körper gegenüber, beschrieben als mechanisch ablaufenden Apparat. Sämtliche körperlichen und auch emotionalen Abläufe sind mechanische Prozesse, ohne Sinn, ohne Bedeutung. Er ist daher als der herausragendste Vorläufer der Hirntoddefinition zu bezeichnen: Auch hier findet sich noch der Gedanke an die Trennung zwischen Geist (Gehirn) und Körper (der “restliche” Körperapparat, den man, fällt die Gehirntätigkeit aus, beliebig “verwenden” kann).

Wie kommt Descartes also zu so einer Annahme?

Gott hat, so die Gedanken Descartes, auf der einen Seite die Materie erschaffen, deren Wesen die Ausdehnung ist (res extensa), und sie in quantitativ konstante und naturgesetzlich geregelte Bewegung versetzt, woraus sämtliche sichtbaren Phänomene resultieren. Alle diese Phänomene beruhen den Bewegungen unsichtbarer und unendlich teilbarer Materieteilchen, von deren Erforschung der Fortschritt in Medizin und Technik abhängt. Auch der Mensch ist Teil dieser Materie, zu einem Teil, zum andern ist er Geist (res cogitans). Obwohl nach der Vorstellung von Descartes dieser Geist in die Abläufe des Körpers, der menschlichen Materie also, eingreifen und diesen auch steuern kann, sind Materie und Geist doch zwei deutlich unterschiedene Anteile im Menschen. Durch diese Trennung also wird eine Sicht des Menschen in die Wege geleitet, die ihn in zwei Bestandteile aufspaltet, die nach verschiedenen Gesetzmäßigkeiten funktionieren. Von dieser Dichotomie hat sich die Menschheit bis heute nicht erholt.

Denn in der Folge hat dieses Modell sämtlichen Naturwissenschaften, und natürlich die Medizin und das Verständnis von Krankheit und Heilung entscheidend geprägt.

Die sprachliche endgültige Trennung von Leib und Körper, die schon im 13. Jahrhundert begann, sich abzuzeichnen,  konnte erst durch dieses Denken gelingen: Die Leib-Haftigkeit des Menschen ist die ganzheitliche Lebendigkeit des Menschen. Das meint seine Körperlichkeit, die aber nie für sich allein und getrennt steht, sondern untrennbar verbunden ist mit den Erfahrungen des Menschen. Der Leib ist der lebendige Leib, der das Leben des Menschen als Ganzes, und damit auch seine individuelle Lebensgeschichte impliziert, die sich in die körperlichen Voraussetzungen “eingeprägt” haben.

Das markiert den entscheidenden Unterschied: Denken wir an die biblische Heilungsgeschichte zurück , so sehen wir, daß Jesus von der Frau, mit ihrer Not, ihrer Leiderfahrung und ihrer Hoffnung angerührt wird. Wird die Krankheit in die berechenbare Welt der res extensa verwiesen, entsteht eine Distanz, die weniger Angst macht als die Berührung, die unrein machen kann – aber ins Leben führt!

Das ist das Stichwort: Hier sind wir bei Mond-Uranus. Ich bin mir ebengerade klar geworden, warum mich Descartes immer so beschäftigt. Seine Sonne steht auf dem GSP von Mond-Uranus, wie bei mir, und er hat Mond-Venus, als Rückseite von Mond-Uranus, noch dazu im Stier, auch wie bei mir. Er hat auch Mond-Neptun.

Da stellt sich schon die Frage, ob nicht jedes mechanistische Welt- und Menschenmodell und letztlich die Dominanz der Naturwissenschaft ein Versuch ist, sich vom Leben fernzuhalten, aus Angst, sich am Leben zu “verunreinigen”, wenn es unberechenbar, irrational und letztlich unbeherrschbar bleibt…

 

 

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Eine Antwort auf Was ist Heilung? Vom biblischen Heilsverständnis zum cartesianischen Menschenmodell

  1. Mythopoet sagt:

    Hallo Julia,

    ganz herzlichen Dank für diese wunderbare Betrachtung!

    Beste Grüße
    Mythopoet

    P.S.: R.Steiner “Heilerwille und Lukas-Evangelium”
    => http://anthrolexus.de/Topos/4860.html

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