Über Arbeit und Muße

In der griechischen Mythologie lachen nur die Götter: Bei den Titanen gibt es keine Freude, keinen Schmerz, keine Trauer und auch kein Lachen – das Leben ist eine ewige Wiederkehr des Gleichen, eine Welt der ununterbrochenen Anstrengung und der Arbeit.

Der Titan ist die Gestalt des Arbeiters (Ernst Jünger), der, abgespalten von den Früchten, Ergebnissen und Zielen des Tuns der reinen Funktion des Tuns entspricht. Er hat keinen Anteil an den Früchten seines Tuns, und hat daher auch keine Muße, die als Konsequenz der Arbeit auf diese folgt. Es ist bezeichnend daß der Begriff der Muße aus dem modernen Sprachgebrauch verschwindet: Hier entsprechen sich wie immer Sprachgebrauch und Wirklichkeit. Es gibt keine Muße mehr, es gibt Freizeit. Freizeit ist abhängig von der sie definierenden Arbeit, und hat daher keine eigene Qualität. Es ist einfach die Zeit, die außerhalb der Arbeitszeit übrig bleibt. Freizeit ist üblicherweise kein Muße: Freizeit ist oft auch zu Arbeit geworden: Verplant, geordnet, strukturiert, möglicherweise auch noch mit körperlicher Anstrengung verbunden.

Die Welt der Titanen ist eine Welt des Ernstes und der Notwendigkeit. Die Titanen sind selbst not-wendig, sie beherrschen die  Elemente und bewahren die Welt vor dem drohenden Chaos. Deshalb bewahren die Titanen im Mythos den geregelten Lauf der Welt, die Gesetzmäßigkeit, die Norm. Die titanische Welt ist eine Welt, die immer in Bewegung ist, immer im Tun. Die Titanen sind ortlos und ohne Mitte, ruhelos. Das ist es, was die im Mythos angelegte titanische Welt mit der unsrigen so eng verbindet.

Es ist für mich keine Frage, daß im Menschen beides angelegt ist: Das Titanische und das Göttliche. Aber es ist offensichtlich, daß sich die Entwicklung hin zur Verdrängung des im Mythos beschriebenen Göttlichen, als Anteil im Menschen, bereits zu Beginn der Neuzeit durchgesetzt hat. Dieses Menschen- und Weltbild, das man an den Mythos angelehnt das Titanische nennen kann, erreicht einen Höhepunkt im industriellen Zeitalter und gipfelt in der Ortlosigkeit und Ruhelosigkeit des modernen Menschen. Der Mensch muß ununterbrochen in Bewegung sein, sonst bricht das Chaos der Sinnlosigkeit über ihn ein, denn ohne das Tun, ohne die notwendige Arbeit, ohne identitätsstiftenden ständigen Konsum, ohne Leistung ist er nichts wert und hat keine Daseinsberechtigung. Einfach zu sein ist schwierig, fast unmöglich geworden.

Sysiphos

Wenn das Titanische das Werdende, das in Bewegung Seiende und Ruhelose im Menschen ist, so ist das Göttliche das Vollendete, das Reife, die Ruhe, die Frucht und der Genuss derselben: die Muße, die daher etwas Göttliches darstellt. Das Lachen ist etwas Göttliches: Eine wirkliche Erkenntnis. Der titanische Ernst begegnet heute auch immer öfter: Es ist der Ernst, der unweigerlich zur Depression führt, wenn die Fassaden der ewigen Wiederkehr des fruchtlosen Tuns, der Unruhe des Lebens und der fehlenden Mitte zusammenbrechen. Dieser Ernst begegnet nicht nur im “Arbeiter”, den es als solchen ja immer weniger gibt, sondern ebenso im Politiker, im Umweltaktivisten, im Philosophen, im Esoteriker – in allen Lebensbereichen und überall.

Ein Bild für den titanischen Menschen ist Sisyphos:

Die Arbeit des Sisyphos , der unermüdlich den Felsblock bergauf rollt, der ihm vor dem Gipfel entgleitet, ist titanisch. Sisyphos, der König von Ephyra und Stifter der Isthmischen Spiele, erhielt diese Arbeit von den Göttern zugeteilt für sein listiges und betrügerisches Verhalten ihnen gegenüber. Sisyphosarbeit ist alle Arbeit, die ohne Frucht bleibt, ist Anstrengung, bei der nichts herauskommt. Wer die Arbeit als solche anpreist, wer für sie um ihrer selbst willen Achtung verlangt, führt den Sisyphismus wieder ins Leben ein. Der Titanismus des Menschen tritt dort hervor, wo das Leben als Arbeitsleben, die Welt als Arbeitswelt begriffen wird; er wird sichtbar in riesenhaften Plänen und Anstrengungen, die alles Maß überschreiten und kläglich scheitern an der Erschöpfung der Kräfte.

(Friedrich Georg Jünger, Griechische Mythen)
 

Hier wird ein Mensch beschrieben, der jegliches Maß verloren hat, der grenzenlos, maßlos und ruhelos geworden ist. Der Mensch verbraucht sich selbst und erschöpft seine Kräfte: Das ist der Preis für die “riesenhaften Pläne”, den Fortschritt, den Wohlstand, den Status, den Erfolg. Das Maßlose hat keine wahre Größe: im Maßlosen ist alles gleich, sowie sich die Menschen, die Lebensstile, die Kleidungsstile, die Denkmuster und Weltanschauungen und sogar die Geschlechter immer mehr angleichen und einer Nivellierung folgen. Im immer Gleichen gibt es daher keine Empfindungen: keine Freude, keine Leid, kein Lachen und keinen Schmerz. Modern ausgedrückt: die Depression (die genau genommen kein Trauerzustand, sondern eine Unfähigkeit jeglichen Empfindens ist).

Und die göttliche Heiterkeit, die Leichtigkeit, die kraftvolle Ruhe? Die stellt sich ein, wenn, wie im Mythos, die Götter über die Titanen herrschen und wachen – und nicht umgekehrt. Die Titanen gibt es, und sie werden auch im Mythos nicht ausgelöscht. Aber der dem Göttlichen gegenüber offene Mensch – im Mythos der Heros – macht sich von der Abhängigkeit und Notwendigkeit des Titanischen frei. Der Heros ist der Mensch, der in der Mitte zwischen den Göttern und den Titanen lebt, beides anerkennt und daher um seinen Platz, seinen Ort und seine eigene Mitte – und damit verbunden –  um seine Grenzen weiß. Erst durch dieses Maß findet er seine Größe.

 

 

 

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