Dionysos tanzt

Wir machen Vorsorgeuntersuchungen. Wir versichern uns und alles, was wir besitzen. Wir achten auf gesunde Ernährung, auf das rechte Maß an Genussmitteln, Alkohol, Ausschweifungen. Wir planen unser Leben, sparen auf wichtige Investitionen, sorgen uns um unser Alter, die Pension. Wir halten Diät. Wir suchen das Mittelmaß. Wir sind Gefangene der Zeit und sind daher der Angst vor dem Tod und der Hinfälligkeit des Lebens total ausgeliefert.

Sind wir durch und durch apollinische Menschen geworden? Im Mythos stehen die beiden Götter Apoll und Dionysos für die beiden Pole des Lebens, die im Grunde nicht zu trennen sind: das rechte Maß, die Ordnung und dazu im Gegenpol die Zeitlosigkeit, der Rausch, das Chaos. Möglicherweise geht es hier auch um die Themen des Logos und Mythos.

Im Mythos wird erzählt, daß die Frauen und Mütter in ihren Heimen, am Webstuhl sitzend, dem Ruf des umherschweifenden Dionysos nicht folgen wollten: Sie fielen in wilden Wahnsinn, töteten ihre eigenen Kinder. Schließt man das Dionysische aus seinem Leben aus, wendet sich diese Kraft gegen das Leben. Das Weben war schon immer ein Bild für das Gewebe der Zeit, die Zeitlichkeit, versinnbildlicht in den Moiren, den Göttinnen am Spinnrad, die den Faden der Zeit spinnen. Sie weben den Teppich der den Menschen zur Verfügung gestellten Zeit. Die Frauen, die dem Ruf des Gottes nicht folgen, hängen an dem Maß der Zeit, der Ordnung, dem Überschaubaren. So sind sie der Zeitlosigkeit des Dionysos ausgeliefert, sie bricht über sie herein, unkontrolliert.

Dionysischer Umzug. Der Panther ist das Tier, das dem Gott zugeordnet wird.

Dionysos zerreisst die Webe der Zeit. Das, was zuvor noch Ordnung und Sicherheit vermittelt hat, der Fels, auf dem wir unser Leben gebaut haben, wird plötzlich zu Sand und verrinnt unter unseren Füßen. Das entspricht der plötzlichen Lebenskrise im Leben eines Menschen, der vor lauter Absicherungen das Unberechenbare aus seinem Leben verbannt hat. Das trifft natürlich heute auf sehr viele Menschen zu. Wir hängen im Grunde alle an unseren Geweben, die wir nicht einmal mehr als Geschenke der Göttinnen annehmen, sondern auch noch denken, sie selbst zu weben und daher auch die Kontrolle darüber zu haben. Und dann bricht die Zeitlosigkeit des Dionysos über uns herein. Er ist dann durchaus ein zu fürchtender Gott.

Dabei verbinden sogar jene Menschen, die weniger Ahnung von Mythologie haben, diesen Gott ja auch mit der Lebensfreude, dem Wein, der Lust, dem ausschweifenden Fest. Auch wenn viele Menschen heute glauben, solche lustvollen Menschen zu sein: Ich zweifle daran. Die Lust des modernen Menschen, ein bequemes Leben, viele Konsumgüter, materielle Sicherheit und viele “Freiheiten” zu haben, entspringt ja gerade nicht dionysischer Unberechenbarkeit. Wir sind Gefangene unserer Bequemlichkeiten und haben daher in allen Lebensgenüssen dennoch Angst. Der dionysische Mensch kennt keine Angst. Warum auch? Er ist der Zeitlichkeit enthoben. Die Enge des Lebens, und also die Angst (etymologische Herkunft des Wortes Angst ist die Enge) ist aufgehoben.

Das Bild im Mythos für das Sichherausheben aus der Zeit ist das dionysische Fest. Daß Feste zum Leben gehören, und den Gegenpol zum Alltag, dem geregelten und geordneten (Arbeits-)Leben bilden, ist je eine altbekannte Tatsache und wurde auch immer und in allen Religionen und Kulturen gepflegt. Der Jahreskreis ist eine Schnur, die gerade läuft, aber viele kleinere und größere Knoten aufweist: das sind die Höhepunkte des Lebens, die Feste. Es macht Sinn, wenn auch im christlichen Jahreskreis die Zeit des Alltags immer wieder unterbrochen wird: Im Kleinen durch die Feier des Sonntags (hier könnte man nahtlos anknüpfen an die Streitfrage und dem Wunsch Vieler, den freien Sonntag aufzuheben), im Großen durch die Festtage und Hochfeste. Ich bezweifle, ob die Wirkung dieser Höhepunkte des Jahres aufgeht, werden sie sinnentleert und ohne religiösen Kontext gefeiert (oder bloß als arbeitsfreie Zeit genossen).

Haben wir also auch verlernt, wahre Feste zu feiern?

Ohne Fest kann der Mensch nicht leben; ohne Fest verkümmert er. Er bedarf seiner, wie er der Speise und des Trankes, wie er der Atemluft bedarf. Das Fest ist in seinem Wesen nach die Aufhebung der Abmessungen, durch welche die Zeit über den Menschen Macht hat. Zu ihm gehört der Überfluss, welcher vergeudet wird. Der Überfluss aber entsteht nicht, wie viele meinen, durch fortgesetzte Akte der Sparsamkeit und Vorsorge; er entsteht erst dort, wo alle Sparsamkeit und Sorge ihrem Wesen nach aufgehoben wird. Der Sparsame und Vorsorgliche könnte nicht zu einem Fest kommen, wenn er nicht die Kraft besäße, diesen seinen Charakter aufzuheben, wenn er nicht seinem Sein nach  festlich würde. Nicht Vorsorge führt ihn zu der Trunkenheit, die ihn im Feste überkommt. Der Überfluss kommt nicht aus den Mitteln, mit denen Feste gemeinhin gefeiert werden. (…) Das Vergessen gehört zum Fest, nicht als Willensakt, durch den sich der Mensch über das quälende Bewusstsein hinwegsetzt; es ist das Begleiten des Trunkenheit, die eins mit der Umkehr ist, welche die Zeit im Bewusstsein aufhebt. Trunkenheit ist die Entsprechung des Überflusses, der in dem Augenblick eintritt, in welchem der Mensch der Zeit ledig wird und sein Selbst vergisst.

(Friedrich Georg Jünger, Griechische Mythen)

So wie in jedem Gottesdienst, jeder Messe am Sonntag auch für die Verstorbenen mitgebetet und ihrer gedacht wird, vereint das Fest seinem Wesen nach das Leben mit dem Tod. Es gibt diese Grenze nicht mehr: und daher auch keine Todesangst. Dionysos gilt daher als derjenige, der die Tore des Hades öffnet: Aber der Gott der Unterwelt hat keine Macht über ihn. Die Trennung zwischen Tod und Leben entspringt ja der Zeitlichkeit: Die Zeit ist das, was die Toten von den Lebenden trennt. Wird die Zeit im Fest aufgehoben, dann feiern die Toten mit.

Jedes Fest des Lebens ist zugleich ein Todes- und Totenfest; ohne Aufhebung der Zeit wird der Mensch nicht festlich, und er hebt die Zeit nicht auf, ohne die Grenzen des Totenreichs zu beseitigen. Daher kommt der Überfluss, der ihm zuströmt, daher die Trunkenheit.

Dionysos zieht in seinen Umzügen umher mit Frauen, und mit den ihm nahe stehenden Tieren: Panther, Luchse, Tiger und Löwen. Sinnbilder unkontrollierter, dem Apollinischen nicht zugänglicher Wildheit. Der Gott selbst erscheint, verwandelt, oft in diesen Tiergestalten. Es ist der Zugang zu dem Elementaren, auch durch Technik und wissenschaftlichen Fortschritt nicht unter Kontrolle zu bringender Chaosmacht.

Aischylos nennt Dionysos den “Weibischen”: Der Gott erscheint mit weiblichen, sanften Zügen, oft auch hermaphroditisch. Ist die dionysische Welt eine “weibliche”? Es sind chthonische, also erdbezogene Kräfte, die er hervorruft, so wie er die Frauen (die sogenannten Mänaden) um sich schart. Im Grunde ist es richtigerweise nicht die “weibliche” Welt, in der Dionysos weilt, sondern die einer Aufhebung dessen, was weiblich und was männlich ist. Daher ist er ein männlicher Gott mit weiblichen Zügen. Die Verschmelzung und daher Aufhebung des Weiblichen und des Männlichen erzeugt die Ekstase und den Rausch des dionysischen Festes. Und ist nicht jeder Orgasmus ein – wenn auch kurzes – Eintauchen in die Zeitlosigkeit, entsprungen aus der Verschmelzung des Weiblichen mit dem Männlichen? Diese erotische Konnotation des Dionysischen zeigt sich im Gefolge der Satyrn und des Priapos, phallische Götter der ungezügelten Triebkräfte.

Tanzende Mänaden

Zum Schluß bleibt nur mehr anzumerken: Nein, wir sollten nicht unser Leben lang rauschhaft entrückt verbringen. Das Dionysische lebt von der Unterbrechung durch das Apollinische, das geordnete Leben und den Alltag. Aber auch im Alltag sollten wir das Instinkthafte, den Zugang zur Unberechenbarkeit und Wildheit des Lebens nie ganz verlieren. Dionysos ist ein tanzender Gott: das gefällt mir natürlich besonders. Er bringt die Frauen zum Tanzen, er lässt sie die Begrenzungen, auch des Körpers, vergessen. Für das nächste Ausbildungsjahr meiner Tanzausbildung sollten wir uns bis zum Herbst eine Gestalt aus dem griechischen Mythos überlegen, die wir am Ende des kommenden Jahres tänzerisch zum Ausdruck bringen. Ich muss zugeben, ich habe innerlich gejubelt, als wir dieses Thema Ende des letzten Jahres als Aufgabe über den Sommer mitbekommen haben. Jetzt, gegen Ende des Sommers, beginne ich zu überlegen, ob nicht das Thema der Gegenpole des Apollinischen und Dionysischen eine gute Wahl für diese Aufgabe wäre…

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4 Antworten auf Dionysos tanzt

  1. Hallo Julia,

    danke! Danke für diese analyse, danke für diesen “interesting read”. Und danke dass ich mit diesen Gedanken nicht alleine bin.
    Dabei hab ich’s als jemand, der am Glauben auf dem die mir gelehrte Religion fußt, schwer jene Feste zu feiern ohne es als “bequeme freie Tage” im einen Extrem, oder als “römisch-sicher-ist-sicher Agnostizismus” im anderen zu empfinden (vor allem Hochfeste wie Ostern oder die Weihnachtsfeiertage).

    Aber auch ganz abseits der meist verkümmerten geistigen Reflexion hat sich – wie ich finde – unser aller Leben massiv in Richtung “alles muss abgesichert sein” bewegt. Ja, wir drohen (rechtsstaatlich argumentierte) Strafen an, wenn Kinder sich beim Spielen verletzen (am besten also sie spielen nicht mehr), Bildung verkommt zur puren Ausbildung (und zur oben genannten Verkümmerung – den Talk btw. unbedingt anhören!). Ganz abgesehen davon dass die Finanzwelt Versicherungen versichert… es geht also nicht nur um Feste (ich muss sagen, ich habe diesen Aspekt von “Sicherheit” versus “Feste” noch überhaupt nicht bedacht – wieder: Danke!) sondern um Risiko, um die Bereitschaft Risken einzugehen – und gewinnen zu können, aber auch verlieren. Unsicherheit eingehen um ein höheres Maß an Sicherheit zu erlangen (Kindern den Umgang mit Messern zu lehren, in der Küche helfen lassen; wann/wie sonst sollen sie es lernen? Sie klettern zu lassen, Radfahren, … . Die gelernten Fähigkeiten sind im Erwachsenenleben Gold wert… und gehen über das Handling mit scharfen Messern hinaus).

    Wir leben in einer Phase von politisch/militärischer Sicherheit in Europa. Aber – und das ist denk ich das wichtigste in deinem Post – wir leben in Angst. Vor beinahe allem…

    • als jemand, der am Glauben auf dem die mir gelehrte Religion fußt, zweifelt schwer

    • Julia Matzinger sagt:

      Das Paradox ist ja daß zu viel Sicherheit und Bequemlichkeit Angst verursacht!

      Ja und natürlich, wir lassen auch unsere Kinder schon in dieser scheinbaren Sicherheit aufwachsen. Begegnet ihnen dann im Laufe ihres Lebens das Dionysische – und sei es in einer “einfachen” Lebenskrise, brechen sie zusammen.

      Liebe Grüße!

      • So “Paradox” ist das glaub ich gar nicht, es gibt denk ich zwei Faktoren: Einerseits das in dem Talk besprochene “educating people out of creativity” wobei damit auch die Kreativität gemeint ist, mit Krisen umzugehen, sie zu meistern und – zugegeben der Bonus – nachher gestärkt und besser herauszukommen. Andererseits gibt ein hohes Maß an Sicherheit erst die Möglichkeit sich mit möglichen, weiteren “Gefahren” zu beschäftigen, jenes Gewebe von dem du schreibst wird als Gegeben hingenommen und erlaubt uns vom Leinen ausgehend nach Seide zu trachten – das ganz banale “Sudern auf hohem Niveau”.

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