Gestern war ich in meinem Kellerabteil, um dort ein bisschen aufzuräumen, da fallen mir meine alten Tagebücher aus meiner Jugend, als ich zwischen 13 und 15 Jahre alt war, in die Hände. Noch im Keller stehend, habe ich darin zu lesen begonnen, gefesselt von meinen eigenen Worten, die nach so langer Zeit wieder zu mir kommen.
Gerade in den letzten Wochen habe ich oft über das Schreiben nachgedacht. Ich habe geschrieben, seit ich denken – oder besser: seit ich schreiben kann. Schon als Schulkind habe ich Geschichten erfunden, “Bücher” geschrieben, indem ich Seiten zusammengeheftet und beschrieben und illustriert habe. Meist waren es Meerjungfrauengeschichten, oder zumindest Geschichten, in denen eine auf irgendeine Art verzauberte Frau vorkommt, die dann am Schluss erlöst wird. Ich habe dann weiter geschrieben, in Tagebüchern, die ich immer wieder angefangen, beendet, wieder neu begonnen habe. Mit etwa 15 Jahren habe ich aufgehört zu schreiben. Warum? Es wird mir immer mehr bewusst, wie wichtig das Schreiben für mich ist. Nicht zu schreiben, obwohl es meiner Veranlagung voll entspricht, ist eine Verhinderung, und geschieht aus Angst.
Schreiben macht furchtbare Angst. Im Schreiben werden Dinge bewusst, artikuliert, erkannt, die sonst diffus und ungeordnet im Ungreifbaren – Unbeschreibbaren – liegenbleiben.
Diese Angst habe ich als Kind noch nicht gekannt, und jetzt als Frau muss ich sie hinnehmen als das was sie ist.
Mit Schrecken und innerer Bewegtheit zugleich habe ich eine Geschichte in einem meiner frühen Tagebüchern entdeckt, kurz vor der Zeit, in der ich aufgehört habe zu schreiben. Ich war 15 Jahre alt, und habe Worte und Gedanken niedergeschrieben, die mich heute, 15 Jahre später, irritieren und zugleich zu Tränen rühren, wenn ich daran denke, wie ich zu dieser Zeit wohl gar nicht nachgedacht habe (das tue ich eher heute viel zu viel), aber Sehnsüchte und Ängste aus dem Unbewussten direkt zu Papier gebracht habe – und diese Angst meiner Jugend war nicht gering, den Zeilen zufolge, und hat mich wohl irgendwann einmal verhindert weiter zu schreiben. Im Folgenden die Geschichte:
Es war einmal ein Mädchen.
Es war einmal ein Strand.
Es war einmal, vor der Zeit von heute.
Es war einmal das Wasser, die Wellen, schäumend und sich kräuselnd und warm und weich und seidig umhüllend sangen sie dem Mädchen ihre schönsten Lieder vor.
Es war einmal – das Meer.
Freudig begrüßte es das Mädchen an jenem jungen Morgen mit einem neuen Lied, und Möwen und Fische sangen mit, und alles versank und verschmolz ineinander zu einem einzigen vibrierenden wohligen Gesang.
Und das Mädchen war darüber sehr glücklich.
Es war einmal der Sand, der ihre Spuren trug, und verwischte sie nie, denn sie waren Erinnerungen. Der Sand kroch zwischen die Zehen des Mädchens. Es kitzelte.
Das große Taglicht erreichte das Zelt des Himmels bald und schenkte der Welt ihre schönsten Strahlen.
Ja auch die Sonne, sie war einmal.
Und das Mädchen war glücklich.
Es liebte seinen Freund, das Meer, und war glücklich, einen Freund zu haben. Es liebte die Fische und Möwen. Es liebte den Sand, den Himmel und die Sonne. Auch den Mond liebte das Mädchen. Es liebte die Nächte, in denen Bruder Mond kreisrund am Himmel stand und die schönsten Lichter auf das wogende Wasser zauberte.
Doch an jenem Tag wurde alles anders.
Schwester Sonnes Licht wurde von Wolken verdeckt, und die Welt schien in einer ewigen Dämmerung zu versinken. Die Möwen und das Meer – sie sangen nicht mehr. Stille kehrte ein, und das schreckliche Gefühl der Kälte und Leblosigkeit suchte das Mädchen heim. Der Sand verwischte die Spuren des Mädchens, und bald waren alle schönen Erinnerungen verloren.
Dann kamen viele Menschen.
Es waren so viele Menschen, dass das Mädchen Angst bekam. Es hatte schreckliche Angst. Das Meer, das jetzt völlig still dalag und nicht mehr sang und dem Mädchen Geschichten erzählte, spürte eines Tages die Tränen des Mädchens in sich und rief es zu sich. Und das Mädchen wusste, noch immer einen Freund zu haben.
Noch einmal spürte es seine Wellen. Das Wasser umschlang ihren kleinen Körper und liebkoste es zärtlich. Fast glaubte es sogar, wieder die alten Lieder zu hören. Doch es herrschte die Stille und Kälte.
Und als das Mädchen wieder glücklich wurde, umschlungen von den Armen ihres Freundes, in völliger Sicherheit und Geborgenheit, zersprang es in tausend glänzende und schimmernde Perlen, die nach und nach mit dem Wasser verschmolzen und nicht mehr sichtbar waren.
Es war einmal ein Mädchen.
Es war einmal vor dem Heute.
Es war einmal.
Jetzt noch während ich diese Zeilen niederschreibe, bin ich aufgewühlt und den Tränen nahe. Ich kenne auch die Gedichte, die ich nach dieser Zeit noch geschrieben habe, sie handeln allesamt vom Tod und der Auflösung im Nichts. Meine frühe Jugend habe ich in phasenweiser Todessehnsucht verbracht. Es ist mir von Anfang an schwer gefallen, meine Kindheit loszulassen und in die Welt hineingeboren zu werden, als Frau, als Erwachsene. Die Sehnsucht nach Auflösung kenne ich sehr gut, bis heute. Umso mehr erschrecke ich, wenn ich genau diese Angst und diese Sehnsucht jetzt lese, beschrieben von mir vor bereits 15 Jahren, fast noch als Kind. Schrecklich und schön zur selben Zeit.
Ich erinnere mich dass es etwa ab meinem fünfzehnten Lebensjahr begonnen hat, dass ich fremde Identitäten bewusst gesucht und übernommen habe. Natürlich – auf irgendeine Art und Weise machen das fast alle Jugendliche. Aber ich bin mir sicher, dass ich dass sehr intensiv betrieben habe, und das ganz bewusst. Und ganz bewusst über “Beziehungen” zu jungen Männern, Burschen besser gesagt, in diesem Alter; die ich gesucht habe, leicht bekommen habe, mich angepasst und dann aus der Angst, die sich (logischerweise) daraus ergab, wieder fallen gelassen und beendet habe. Gelernt daraus habe ich erst jetzt, meinem Gefühl nach erst in der Beziehung, in der ich jetzt stehe.
Astrologisch übrigens beschreibe ich in meinen Zeilen genau die Sonne-Neptun-Angst, die in der Auflösung des eigenen Ich und der Identität besteht – und die ich dann aggressiv bekämpft habe in der ewigen Identitätssuche, die ja nur daraus bestanden hat, Fremdes zu übernehmen. Und das in Bildern, die mich einfach erstaunen. Ich hatte keine Ahnung von Astrologie in diesem Alter, aber die Bilder sind klar und deutlich. Die Sonne-Neptun Verbindung in das zwölfte Haus hinein, die Zeit, in der die eigene Identität erwacht, in der Jugend, und damit die große Angst, ungeschützt und “anders” zu sein, ausgeliefert, die vielen Menschen, die Verunsicherung, wer bin ich eigentlich. Und die Flucht in die völlige Auflösung.
Dennoch: Wahre Schätze, die da in meinem Keller gehoben wurden.

















